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Predigt von Pfarrer Heiner Mausehund
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Predigt zum Bikergottesdienst am 5. September 2010
auf dem
Welterbe Kokerei Zollverein
Text:
Matthäus 14, 22 - 33
Thema:
Achte auf deine Blickrichtung!
Das
war knapp. Ich sah, wie er vor mir fuhr, sich in die Kurve legte und ein Stück
rutschte. Zum Glück griffen im letzten Moment die Reifen und er kriegte die
Kurve. Zum Glück! Gott sei Dank!
Die
meisten von uns kennen solche oder ähnliche Situationen. Und trotzallem: Kurven
fahren macht Spaß! Man sieht die Kurve kommen, bremst kurz ab, versucht in
Ideallinie reinzugehen, beschleunigt auf dem Höhepunkt und fährt wieder raus.
Wenn sich dann auf einer Strecke noch Rechts- und Linkskurven abwechseln ist es
optimal. Man schwingt von einer in die andere Kurve. Es ist ein Gefühl, das man
nur schwer beschreiben man. Man muss es erleben!
Wir
hören immer wieder von Moppedfahrern, die die Kurve nicht gekriegt haben. Sarah
und Thomas haben es im Anspiel gezeigt. Manchmal ist man schneller im Himmel als
man denkt. Um aus der Kurve zu fliegen, muss man kein Raser sein oder
leichtsinnig fahren. Ein bisschen Sand auf der Fahrbahn zB, reicht, um ins
Rutschen zu kommen.
Kriegst du die Kurve? Eine Frage, ein Bild, das die sich leicht auch auf unser
Leben übertragen lässt. Die Kurve kriegen, nach der Schräglage hoch kommen,
wieder auf die Spur kommen, dahin kommen, wohin ich möchte und nicht wo anders
hin, zu dem Entscheidenden durchdringen.
Wir
wissen aus Erfahrung: Manches im Leben lässt sich nicht planen. Es kommt
überraschend, ist auf einmal da und überrumpelt uns im wahrsten Sinn des Wortes.
Oder es gibt Kurven im Leben, die wir schon zigmal genommen haben und uns im
Schlaf vertraut sind und auf einmal liegt etwas im Weg und wir fliegen raus.
Petrus, in unserer biblischen Geschichte, kennt das. Er ist ein erfahrener
Fischer. Wie oft ist er schon den Stürmen auf dem See und in seinem Leben Herr
geworden? Doch dieses Mal sieht es so aus, als würde alles schief gehen.
Er
und die andere Jünger sind fixiert auf die Wellen und den Sturm und können
nirgendwo anders hinblicken. Als Jesus unerwartet auf sie zukommt, halten sie
ihn für eine Fantasiegestalt, ein Hirngespinst, das ihnen noch mehr Angst macht.
Erst als Jesus sie anspricht, werden sie hellhörig: Seid getrost, ich bin`s,
fürchtet euch nicht. Petrus hört die Worte wohl, doch er kann ihnen nicht
glauben. Er will den Beweis: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen
auf dem Wasser. Eine mutige Forderung! Wäre es nicht einfacher gewesen zu
verlangen: Herr, bist du es, gebiete den Sturm aufzuhören oder gebiete, dass die
Wellen sich legen oder bringe unser Boot schnell an Land.
Petrus will die Herausforderung: Bist du es, so befiehl mir zu dir zu kommen auf
dem Wasser.
Ich
bin bereit aus dem Boot auszusteigen und dir entgegenzugehen.
Ich
bin bereit dem Sturm zu trotzen.
Ich
bin bereit, mitten in den Sturm hineinzugehen – dir entgegen!
Mir
imponiert Petrus. Er weicht dem Sturm nicht aus, sondern geht mitten in ihn
hinein.
Und
Jesus sagt: Komm!
Und
jetzt passiert etwas, was wir Bikerinnen und Biker gut kennen:
der
Blickkontakt ist wichtig!
Für
Petrus heißt das: Solange er auf Jesus blickt, kann er auf dem Wasser gehen und
es gelingt ihm, durch den Sturm zu kommen. Er meistert die schwierige Situation
und kriegt die Kurve.
Für
uns Biker gilt insbesondere in den Kurven: Ich fahre dorthin, wo ich hinschaue.
Ich kriege die Kurve, wenn ich mit meinen Augen Punkte am Horizont der Kurve
fixiere. Bekomme ich Angst und schaue nicht weit genug oder vor mich hin gerade
aus, fliege ich aus der Kurve raus.
Blickkontakt ist das Entscheidende! Und Petrus erlebt es im Blick auf seine
Situation genau so. Als er den Blickkontakt verliert, statt auf Jesus auf den
Sturm blickt, geht er unter. Petrus kriegt die Kurve nicht!
Und
das ging ihm nicht nur einmal so. Petrus hat öfter versagt. Er war ein
begeisterter Anhänger Jesu und war bereit alles für seinen Chef zu tun. Doch
wenn es hart auf hart kam, war nichts mehr von seinen Vorsätzen zu hören. Als
Jesus verhaftet wurde und Petrus merkte, dass es auch ihm an den Kragen gehen
kann, ging es sogar soweit, dass er sagte: Diesen Menschen kenne ich nicht!
Trotzdem, trotz seiner Schwäche, trotz seiner Schuld, trotz seinem Versagen,
erfährt er , wie in unserer Geschichte: Sein Hilfeschrei wird erhört. Jesus
streckt ihm seine Hand entgegen, ergreift ihn und zieht ihn hoch.
Wenn
das doch immer so wäre!
Kann
ich das für mich glauben? Kann ich glauben, dass Jesu mir in den Stürmen meines
Lebens hilft, wenn meine Beziehung zerbricht, meine Kinder nichts mit mir zu tun
haben wollen, ich schwer verunglückt bin, ich meine Arbeit verliere, ich nicht
weiß, wie ich mit meiner Schuld weiter leben soll? Oder ist es nur ein frommer
Wunsch?
Jede/jeder hat ihre/seine Erfahrungen mit den Stürmen seines Lebens gemacht.
Nikolaus Schneider und Siggi Rüsing haben uns aus ihrem Leben erzählt und davon,
was für sie in der Extremsituation ihres Lebens wichtig war. Erfahrungen lassen
sich nicht übertragen. Wir können sie wohl hören. Doch jede/r muss seine
Erfahrungen machen.
Diese beiden stehen mit dem, was sie erlebt haben, in einer großen Kette der
Glaubenzeugen. Seit über 2000 Jahren haben Menschen erkannt und erkennen noch
heute: Es ist wichtig die Kurve zu kriegen. Doch wenn ich es nicht schaffe, wenn
ich abschmiere, mein Blick nicht standhält, gibt es einen, der die Kurve für
mich kriegt und mich nicht aus den Augen verliert: Jesus Christus.
Der
Glaube an ihn verhindert keine Stürme. Die traurigen Ereignisse auf der
Loveparade sind vielen von uns noch nahe. Angesichts von so viel Leid fällt es
schwer zu glauben. Trotz vieler rettender Hände bleibt die Frage nach dem warum
offen.
Zu
unserem Leben gehören die Stürme dazu und die uneinsichtigen und gefährlichen
Kurven. Es gibt kein Leben, das davon frei ist. Es gibt kein Leben, das nur heil
ist. Leben ist immer bruchstückhaftes, unvollkommenes Leben. Margot Kässmann hat
es mal so ausgedrückt: „Mit Brüchen verantwortlich(er) umzugehen, ist viel
wichtiger, als über richtiges und falsches Leben zu richten.“ „ Christliche
Freiheit sagt, es gibt Schuld (und Scheitern )im Leben, aber es gibt Lebenswege
danach.“ WAZ 21.6.10, Gesellschaft
Es
gibt Schuld und Versagen. Und es gibt jemand, der mir das abnimmt und für mich
trägt, der trotz allem, was ich mir zu Schulden komme lasse, für mich die Kurve
kriegt: Jesus Christus. Das ist die Verheißung unseres Glaubens.
Was
ich zu tun habe? Mich auf das Wagnis des Glaubens einlassen und die Entscheidung
wagen, aus dem Boot zu steigen und mutig in den Sturm hinein zu gehen. Ohne dem
geht es nicht! Wenn ich nur im Boot sitzen bleibe, passiert nichts. Wenn ich
keine Kurven fahre, weiß ich nicht, was sich danach alles auftut.
Ich
wünsche uns Mut, die Kurven zu nehmen, unterwegs auf der Straße und im Leben und
dabei die Blickrichtung im Auge zu behalten. Wo ich hinschaue, fahre ich!
Dabei müssen wir keine Helden sein oder werden. Wenn ich meinen Blick nicht
halten kann, aus welchem Grund auch immer, ich abschmiere, kriegt er die Kurve
für mich. Mit dieser Gewissheit kann ich gut leben. Amen
Heiner Mausehund, Pfr.
Es
gilt das gesprochene Wort!
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